Preisträger 2012


Kategorie "Umweltengagement":
„GroßstadtWildnis Lichterfelder Weidelandschaft“
und
„Aktionsbündnis Landschaftspark Lichterfelde Süd“

GroßstadtWildnis Lichterfelder Weidelandschaft der Reitgemeinschaft Holderhof

Gräser wiegen sich im Wind, die goldene Herbstsonne bringt das Ahornlaub zum Strahlen, auf einer dampfenden Wiese grasen Pferde. Ein Bild, das an einen herbstlichen Ausflug in Brandenburger Biosphärenreservate denken lässt, doch erinnern die Hochhäuser der Thermometersiedlung, die über die Baumwipfel ragen, an die unmittelbare Nähe der Stadt. Nur fünf Gehminuten vom Bahnhof Lichterfelde-Süd entfernt, findet sich ein verstecktes Kleinod von höchster Brisanz mit einer Geschichte, wie sie nur in Berlin geschrieben werden konnte.
Fast 40 Jahre lang nutzten amerikanische Truppen das Gelände am Südrand Berlins als Übungsplatz für ihre Manöver – die Parks Range. Auf dem Gelände befand sich unter anderem ein komplettes Städtchen als Kulisse für Nahkampf- und Schießübungen, Panzer- und andere militärischen Geländefahrzeuge durchfurchten das Areal von fast 100 h. Nicht lange nach der friedlichen Revolution und dem Fall der Mauer räumte das Militär das Gelände, zurück blieben nur wenige befestigte Wege, kleine Haine, magere Wiesen, als Sichtschutz aufgehäufte Hügel an den Rändern mit einem Zaun drumherum.
So blieb das Gelände der Öffentlichkeit zunächst verschlossen, denn im Berlin der 1990er Jahre erwartete man einen unvorstellbaren Bau-Boom, einen massenhaften Zuzug und enormen Bedarf an Wohnraum. Der ehemalige Truppenübungsplatz sollte verkauft und dicht mit 5.000 Wohnhäusern bebaut werden. Investorträume sahen schon eine große Wohnsiedlung mit Golfplatz und S-Bahnanschluss.

Da sich die Realisierung dieser Pläne verzögerte und man ein Zuwachsen der 100 Hektar verhindern wollte, konnte die Reitgemeinschaft Holderhof das Gelände als Zwischennutzer mieten. Durch die Beweidung mit Pferden sollte der Aufwuchs von Gehölzen verhindert und das potentielle Bauland offen gehalten werden. Was sich so unspektakulär anließ, entwickelte sich zu einem einmaligen Weidelandschaftsprojekt. Die Initiatorin Anne Loba betrat mit der Reitgemeinschaft Holderhof neues Terrain: Sie wollten eine Kombination biodiversitätsorientierter Landschaftspflege mit naturnaher, artgerechter Tierhaltung und naturverbunden Freizeitsport erproben. Diese ganzjährig Freilandhaltung von Sportpferden wurde anfangs als zum Scheitern verurteiltes Experiment belächelt. Heute nach über 20 Jahren hat sich durch ihre extensive Weidewirtschaft, die als eine Art Umtriebsbeweidung an traditionellen Vorbildern orientiert ist, eine einzigartige, kleinteilige Biotopstruktur von höchstem ökologischen Wert entwickelt. Durch gezielten Einsatz der Beweidungseffekte und ergänzende manuelle Maßnahmen konnten die wertvollen trocken-warmen und nährstoffarmen Lebensräume erhalten und ausgedehnt werden. Die so entstandene Artenvielfalt auf engem Raum an einer Großstadt dürfte in ganz Deutschland einzigartig sein. Das Gelände hat sich zu einem „Hotspot“ der Artenvielfalt entwickelt. So finden sich auf dem Gelände seltene und zum Teil vom Aussterben bedrohte Pflanzen wie der Sardische Hahnenfuß, die Golddistel, Acker-Leimkraut, Mäuseschwänzchen und das Deutsche Filzkraut.
Allein am Tag der Artenvielfalt konnten innerhalb weniger Stunden 90 Bienen- und Wespenarten gezählt werden. Seltene Vögel wie der stark gefährdete Wendehals, Pirol, Braunkehlchen und Neuntöter finden auf dem Gelände Nahrung und geeignete Brutplätze. Fledermäuse wie der Abendsegler, die Zwergfledermaus und das Braune Langohr nutzen neben einer Vielzahl von Tagfaltern darunter auch der Große Feuerfalter das Gelände. Aber auch Amphibien wie Wechselkröte (letzte Vorkommen in Berlins Süden), Knoblauchkröte und der Moorfrosch sind auf dem Gelände heimisch. Seit 2008 erprobt die Reitgemeinschaft den geregelten Zugang für Großstadtmenschen. Bei Wanderungen und Veranstaltungen können die Besucher einen Naturerfahrungsraum vorfinden, der mit seiner savannenartigen Struktur der mitteleuropäischen Urlandschaft entspricht. Jeder Großstädter kann die vielfältige heimische Flora und Fauna hautnah kennenlernen.
Experten bestätigen die überaus hohe ökologische Bedeutung der halboffenen Lichterfelder Weidelandschaft und den Erfolg des Weidemanagements, dabei weisen die Pferde bei ausgesprochen guter Gesundheit durchaus sportliche Erfolge auf.
Seit 2008 organisiert die Reitgemeinschaft naturkundliche Wanderungen, um das nicht öffentlich zugängliche Gelände vorsichtig als Naturerfahrungsraum Großstadtwildnis zu öffnen.



Reitgemeinschaft Holderhof
c/o Anne Loba
Reaumurstr.17-19
12207 Berlin
E-Mail: rg.holderhof [at] web.de



Aktionsbündnis „Landschaftspark Lichterfelde-Süd“

Das Aktionsbündnis setzt sich für die nachhaltige Entwicklung des Südens von Lichterfelde ein. Gegründet 2010 von Anwohnern, Umweltinitiativen, Vereinen und Aktivisten, die sich teilweise seit den Siebziger Jahren für den Umweltschutz in Lichterfelde engagieren, sie fordern einen Landschaftspark. Im Zusammenhang mit der Entwicklung des Stadtteils Lichterfelde-Süd argumentieren die Mitstreiter für eine sozialverträgliche Bebauung mit Wohnungen lediglich in einigen Randbereichen entlang der vorhandenen Straßen und auf aufgelassenen Gewerbeflächen. Die zentralen und ökologisch wertvollen Bereiche sollen als Landschaftsschutzgebiet gesichert und in Verbindung mit dem angrenzenden Regionalpark Teltower Platte im Sinne eines länderübergreifenden Biotopverbunds entwickelt werden.
Das Aktionsbündnis ist bestens vertraut mit der langen Geschichte des Geländes, es beteiligt sich intensiv und mit großer Fachkenntnis an der politischen Diskussion um die Zukunft des Geländes. Ein großer Erfolg ist bereits erzielt worden – noch immer rollen keine Bagger auf dem Gelände, einen Golfplatz will niemand mehr bauen und alle Fraktionen im Bezirk haben sich gegen eine Bebauung mit 3.000 Wohneinheiten ausgesprochen.



Aktionsbündnis Landschaftspark Lichterfelde-Süd
c/o Uwe Stenzel
Wiedenbrücker Weg 12
12207 Berlin
E-Mailstenzel-berlin [at] t-online.de
www.natur-land-forum.de